KOSMOS




(…) Mirjam Elburn verarbeitet Materialien, denen so sehr Vergangenheit anhaftet, dass die Vermutung nahe liegt: Die Vergangenheit selbst ist das eigentliche Material der Künstlerin. Mirjam Elburn verarbeitet auch historisch „heiße“ Ware.
        Kosmos – so heißt die populärwissenschaftliche deutsche Zeitschrift über Physik, Weltraum und Naturwissenschaft, deren Ausgaben von 1935 bis 1937 sie bearbeitet hat. Die Zeitschrift gab es bereits seit 1904 und nach 1945 immer noch. Aber ist es politisch korrekt, Publizistik aus der Nazi-Zeit zu verarbeiten? Zwar war der Kosmos kein Zentralorgan für den Kampf um eine angeblich „deutsche“ Physik, die den Nazis zufolge anders funktionieren sollte, als die französische oder englische Allerweltsphysik, ganz zu schweigen vom jüdischen Relativismus eines Nobelpreisträgers.
        Nein, der Kosmos war kein Hetzblatt, aber trotzdem: 1935–1937? Aber andererseits: Warum sollte Mirjam Elburn solches Material tabuisieren? Politisch korrekt wäre ansonsten doch wohl die einzige mögliche Folgerung, wenn wir alle unsere Verbindungen zu unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern abstreiten würden. Man sieht direkt: Die Vergangenheit kann man nicht abschaffen. Man kann sie eigentlich auch nicht ignorieren. Man muss mit der Vergangenheit umgehen, ihr begegnen, sich mit ihr auseinandersetzen. Aber was genau ist Vergangenheit? Ausführlich wurde sich in Deutschland mit der Nazizeit auseinandergesetzt,fast immer in Form von Texten: In Schulgeschichtsbüchern, Reden, Zeitungsbeiträgen, immer Texte, Gewebe aus Worten, Sätzen und Grammatik. Mirjam Elburns künstlerisches Gewebe funktioniert ganz anders: grundsätzlicher und vieldeutiger. Die Künstlerin durchlöchert und zersticht die alten Tücher, Matten oder Papiere, die sie bearbeitet. Wie bei der alten Textiltechnik des Filzens werden Knäuel von Wollfasern oder Haaren mit einer Nadel mit kleinen Widerhaken so oft durchstochen, bis sie eine textile Struktur, ein Gewebe bilden. Der aggressive Akt des fortwährenden Zerstechens bewirkt keine völlige Zerstörung, sondern erzeugt im Gegenteil etwas, ein ambivalentes Ineinander von Zerstören und Herstellen, insofern künstlerisch geeignet für ein vieldeutiges Thema wie die Vergangenheit. Bei Mirjam Elburn geht es nicht um fertig aufbereitete, textlich formatierte Abschnitte der Vergangenheit mit klarer Überschrift wie zum Beispiel: die Jahre von 1933–45; oder die 1950er Jahre. Ihr geht es grundsätzlicher, konkreter, dringlicher, um Vergangenheit – was ist das eigentlich, wenn wir angesichts von alten, nutzlosen Dingen mit dem permanenten Verlieren unserer Gegenwart konfrontiert werden, wenn uns alte Dinge vergegenwärtigen, dass unsere Gegenwart fortlaufend wegbröckelt, oder ähnlich wie die wegbrechenden Sandküsten von Sylt? Wenn wir etwas Altes, Abgebrauchtes vor uns haben, kommt es uns nahe, eben weil wir es vor uns haben; und im gleichen Moment ist es uns ganz prinzipiell fern, denn es nutzt uns nichts, es hat nichts mit unserer Gegenwart, mit unserer gegenwärtigen Alltagsbewältigung zu tun. Ein mindestens zwiespältiges Gefühl. (…)
        Mirjam Elburns künstlerisches Gewebe ist kein Textgewebe, keine historische Darlegung.
        Die eigentliche Herausforderung an uns Betrachter lautet, aus dem Text, dem Vorgewussten auszusteigen und genau hinzuschauen. Es geht nicht um vertextete Geschichte, um moralische Urteile, es geht um Zeitempfinden selbst, um die Rückgewinnung von etwas sehr Ambivalenten, Melancholischen, aber auch Unausweichlichen. Um Zeit selbst.

Text: Rede, Siegen im November 2010 von Matthias Winzen, in: Zero Time of the Fetish, Text von Stephen Horne und Matthias Winzen, Dillingen 2010

        EN
(…) Mirjam Elburn processes material which is so clinging to the past that the assumption is obvious: the past is the actual material of the artist. Mirjam Elburn also processes historical „hot“ goods. She worked on the editions from 1935 to 1937 of Kosmos — which is the name of the German popular-science magazine on physics, space and natural science.
        The magazine was founded in 1904 and still exists nowadays. But is it political correct to process print media from the Nazi -time?
        True was the Kosmos no central organ for the fight for one supposedly „German“ physics, which according to the Nazis should work differently, than the French or English everyday physics, not to mention the jewish relativism of a Nobel Prize winner.
        No, Kosmos was no smear sheet, but nonetheless: 1935–1937? On the other hand: Why should Mirjam Elburn taboo that kind of material? Otherwise it would be the only possible political correct conclusion if we all denied our connections to our parents, grand-parents and great grand-parents.
        You can see directly: The past cannot be abolished. You cannot actual ignore her.
        You have to deal with the past, to encounter her, you have to come to terms with the past. But what exactly is the past?
        The Nazi era has been dealt with in detail in Germany, almost always in terms of text: in school books, speeches, newspaper articles, always text, fabric of words, sentences and grammar. Mirjam Elburn's artistic fabric functions totally different: more fundamental and ambiguous. The artist perforates and punctures old clothes, mats and papers she works on. As with the old textile technology of felting balls of wool fibres or hair are pierced through with a needle with small barbs as long until a textile structure, form a fabric. 
        The aggressive act of constant piercing causes no total destruction, but on the contrary, it creates something, an ambivalent intertwining of destroy and create, insofar artistically suitable for such an ambiguous topic as the past.
        Mirjam Elburn’s work is not about already prepared, text formatted sections of the past with a clear heading as for example: the years from 1933–45; or the 1950ies. Her work is more fundamental, more concrete, more urgent about past—what is it actually when we are confronted with the permanent loss of our present in the face of old, useless things, when old things bring to mind that our present continually crumbles away or similar to the fallen sand coast of Sylt?
        When we have something old and worn in front of us it comes close to us precisely because it is in front of us; and at the same moment it is in principle far away, because it is of no use for us, it has nothing to do with our present , with our current copying with everyday life. An at least ambivalent feeling. (…)
        Mirjam Elburn’s artistic fabric is no text fabric, no historical exposition. The real challenge for us the observer is to get out of the text, the previously known and to look closely. It is not about texted stories, not about moral judgements, it is about the sense of time itself, about the recovery of something very ambivalent, melancholic, but also inevitable. About time itself.

Text: Speech, Siegen in November 2010 by Matthias Winzen, in: Zero Time of the Fetish, text by Stephen Horne and Matthias Winzen, Dillingen 2010