Haare15M_2019

Frottage auf Makulaturpapier, 15 Meter von der Rolle mit 100 cm Breite, Graphit

Frottage on waste paper, 15-meter roll (100 cm wide), graphite

Ich habe meine eigenen abgeschnittenen Haare auf einer Glasplatte verteilt und sie so unter dem Papier fixiert, dass sie beim Durchreiben beweglich blieben. Auf dem Papier entstehen scheinbar wiederkehrende Muster. An der Wand montiert, erinnert die Zeichnung an eine Tapete – und doch gibt es keine identische Wiederholung. Die Haare bewegen sich bei jedem Durchreiben und erzeugen dadurch immer neue, nur scheinbar bekannte Ordnungen.
Ob instinktiv, anerzogen oder bewusst gelebt: Muster bestimmen unser Handeln und häufig auch unser Denken. Sie sind zeitlicher Natur; sie entfalten sich über einen Handlungszeitraum und entstehen durch Wiederholung, Abweichung und Veränderung.
Allen Mustern liegt eine gewisse Ordnung zugrunde. Zugleich gibt es Muster, die eigentlich gar keine sind. Wir glauben, Wiederholungen und Strukturen zu erkennen, weil unser Gehirn versucht, die wahrgenommene Umwelt in verständliche und organisierte Informationsflüsse zu überführen. Muster entstehen somit nicht ausschließlich in der Welt, sondern auch in unserer Wahrnehmung.
Das Material selbst fügt dieser Wahrnehmung eine weitere Ebene hinzu. Wissen die Betrachtenden um den Ursprung der Linien, verändert sich ihre Beziehung zur Zeichnung. Aus einem zunächst dekorativen oder vertraut wirkenden Muster kann Irritation, Unbehagen oder sogar Ekel entstehen. Die vermeintliche Tapete wird zu etwas Körperlichem und Persönlichem.
Die Arbeit bewegt sich damit zwischen Ordnung und Zufall, Vertrautheit und Fremdheit, Wahrnehmung und Wissen. Sie fragt danach, wann wir etwas als Muster erkennen – und was geschieht, wenn wir erfahren, woraus dieses Muster tatsächlich entstanden ist.

I spread my own cut hair across a glass plate and secured it beneath the paper in such a way that the strands remained mobile during the rubbing process. Seemingly recurring patterns emerge on the paper. When mounted on the wall, the drawing is reminiscent of wallpaper—yet there is no identical repetition. The hair shifts with each rubbing, creating ever-new arrangements that appear familiar, though only deceptively so.
Whether instinctive, ingrained, or consciously lived, patterns shape our actions and often our thinking as well. They are temporal in nature; they unfold over a period of activity and arise through repetition, deviation, and change.
All patterns are grounded in a certain order. At the same time, there are patterns that are not truly patterns at all. We believe we recognize repetitions and structures because our brains attempt to translate the perceived environment into intelligible, organized streams of information. Patterns, therefore, do not originate solely in the world around us, but also within our own perception.
The material itself adds another layer to this perception. If the viewer knows the origin of the lines, their relationship to the drawing shifts. A pattern that initially seemed decorative or familiar can give rise to a sense of unease, discomfort, or even revulsion. The apparent wallpaper transforms into something visceral and personal.
The work thus navigates the space between order and chance, familiarity and foreignness, perception and knowledge. It asks when we recognize something as a pattern—and what happens when we discover the actual source from which that pattern emerged.

Ausstellungsansicht | exhibition view: Künstler:innenhaus Dortmund
Text: Mirjam Elburn
Images: Hannes Woidich

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